Kassel: Wehrloser Syrer in Flüchtlingsunterkunft von Sanitäter geschlagen

  • In Kassel hat ein Kollege einen gefesselten Patienten mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Vor den Augen und ohne Reaktion mehrerer Polizisten. Herausgekommen ist die Tat nur, weil diese zufällig von einer Überwachungskamera gefilmt wurde. Der Kollege wurde mittlerweile fristlos gekündigt und strafrechtliche Ermittlungen wurden eingeleitet.

    Kassel: Wehrloser Syrer in Flüchtlingsunterkunft von Sanitäter geschlagen


    Ein Video zeigt, wie ein auf einer Trage fixierter Mann in einer Flüchtlingsunterkunft von einem Sanitäter geschlagen wird. Zwei Polizisten schreiten nicht ein.

    • Bei einem Einsatz von Polizei und Rettungskräften in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel hat offenbar ein Sanitäter auf einen wehrlosen Mann eingeschlagen.
    • Ein Überwachungsvideo zeigt den Angriff.
    • In der Mitteilung, die die Polizei am folgenden Tag veröffentlichte, wird der Vorfall nicht erwähnt.
  • So etwas kommt dabei raus, wenn man geistig komplett aufgegeben hat.


    Die Polizei gibt dabei zusätzlich ein äußerst schwaches Bild ab und zeigt, dass dringend eine unabhängige Stelle bei Anzeigen gegen Ordnungsorgane geschaffen werden muss.

  • Das kommt auch dabei raus, wenn bei Fehlverhalten mit deutlich geringerer Intensität regelmäßig weggeschaut wird. Sind wir ehrlich: es ist Alltag, dass sich - insbesondere gegenüber „unbeliebtem“ Patientenklientel - nicht korrekt verhalten wird. Das kann „mal“ passieren, wenn aber bei jedem Alarm in die Unterkunft für Geflüchtete entsprechend mit abwertenden Kommentaren reagiert wird, dann „normalisieren“ sich viele Dinge. Und plötzlich schlägt man einfach jemandem in die Fresse und alle sind entsetzt dabei „war Frank* doch ein netter, beliebter und geselliger Typ. Dem hätte man das nie zugetraut, dass er mal ausrastet. Ja, ein paar Sprüche unter der Gürtellinie, die gab es immer mal, aber wir sind hier ja auch nicht beim Ballett.“


    *Name zufällig gewählt. Sorry Frank!

  • Der Mensch ist fixiert, gehen wir mal davon aus, dass er sich Im Vorfeld nicht gerade mitmenschenfreundlich verhalten hat. Die Gewaltausübung will ich gar nicht relativieren, aber ich bin einfach neugierig, wie die Situation entstanden ist.

    Truth's not true under the light of lies.
    Raise your sword and shield.

  • Alkoholisiert, randaliert, Rettungsdienst und Polizei attackiert. Durchaus Gründe warum man gefesselt irgendwo liegt.

    Vielleicht hat er dann auch die Mutter, den Schwippschwager oder den Schäferhund des Kollegen beleidigt, ihn angespuckt oder was auch immer. Das ist aber völlig irrelevant, weil es keine Situation gibt, die dieses massive Fehlverhalten seitens des Kollegen rechtfertigt.

  • Das ist aber völlig irrelevant, weil es keine Situation gibt, die dieses massive Fehlverhalten seitens des Kollegen rechtfertigt.

    Die es aber vielleicht erklären würde.

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

  • Die einzige Erklärung ist, dass diese Person ganz offensichtlich nicht geeignet ist, in diesem Beruf zu arbeiten.

    Wie dem auch sei.

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

    Einmal editiert, zuletzt von Captain Joy ()

  • evtl. war es an diesem Tag einfach zu viel. Ich sag nur Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

    ich würde ja eher sagen, die letzten Monate...Jahre... (und ich beziehe mich da nicht nur auf Einsätze in Asylunterkünften.)

    Wenn man tot ist, ist das für einen selbst nicht schlimm, weil man ja tot ist. Schlimm ist es aber für die anderen...
    Genau so ist es übrigens wenn man doof ist...

  • Die einzige Erklärung ist, dass diese Person ganz offensichtlich nicht geeignet ist, in diesem Beruf zu arbeiten.

    sollte es so einfach sein? Den ehm. Kollegen und die Polizei vor Gericht und erledigt?

    Wenn man tot ist, ist das für einen selbst nicht schlimm, weil man ja tot ist. Schlimm ist es aber für die anderen...
    Genau so ist es übrigens wenn man doof ist...

  • Einfach ist es ganz sicher nicht. Aber es gibt eben Berufe, in denen man dem Personal abverlangen muss, eigene Affekte jederzeit im Griff zu haben: Man darf sich ärgern, auch sehr stark, aber man darf dem Impuls nicht nachgeben, dem Ärger durch Gewalt Luft zu machen. Wer das nicht uneingeschränkt kann, ist in dem Beruf falsch.


    Natürlich ist wichtig nachzuvollziehen, wie eine konkrete Situation entstanden ist. Denn ein einmaliges Fehlverhalten muss nicht zwingend dazu führen, jemanden ganz generell für ungeeignet zu halten. Das kann das Ergebnis sein, ist es aber nicht zwingend. Aber diese Ebene gehört strikt von der Ebene getrennt, ob das Verhalten toleriert werden kann: Auch wenn aus einer Situation menschlich verständlich sein kann, dass der Kragen platzt, kann das zeigen, dass der Kragen eben nicht stabil genug ist.

    Lügen ist keine Kunst. Kunst ist, anderen die Wahrheit in einem neuen Licht zu zeigen.

  • Möglicherweise zeigt der Vorfall auch, dass es noch nicht ausreichend (wahrgenommene) Angebote gibt, das dem Einsatzpersonal - gerade nach regelmäßigen stressauslösenden Erfahrungen im Berufsalltag - zur Verfügung steht, um andere Abbaumethoden zu trainieren, ohne uns anvertraute Patienten dafür zu nutzen.
    Der Ton wir rauher- gehört dazu, es gibt Auffälligkeiten bei Kollegen - gehört dazu, es gibt erste deutliche Anzeichen - der Kollege muss sich mal etwas entspannen, aber das schafft der schon alleine und die nächste logische Stufe wurde hier dann zufällig mal dokumentiert. Das wäre mein Ansatz, ohne irgendwelche Relativierungen, die zu viel Verständnis für die Situation aufzubringen. Erworbener und aufgebauter Stress baut sich nicht von alleine ab, muss aber dringend gelenkt werden. Und das nicht durch Aggressionen im Straßenverkehr, gegenüber Mitmenschen oder Tieren.

  • um andere Abbaumethoden zu trainieren,

    das würde mich interessieren, magst du da etwas ausführlicher werden? Evtl einen eigenen Thread wo sich dann entsprechend alle beteiligen?:)

    Wenn man tot ist, ist das für einen selbst nicht schlimm, weil man ja tot ist. Schlimm ist es aber für die anderen...
    Genau so ist es übrigens wenn man doof ist...

  • Das Prinzip des „Shame,Blame, Name“ hatte noch nie einen wirklich nachhaltigen Erfolg.
    Nur eine Aufarbeitung mit Ursachenermittlung kann das Risiko eines erneuten Vorfalls dieser Art verhindern.

  • Vorerst glaube ich nicht, dass wir da einen eigenen Thread zu brauchen, aber die ersten Stichworte, die mir dazu eingefallen sind, waren autogenes Training, progressive Entspannung, Sport als Ausgleich oder die gezielten Sitzungen mit psychologisch geschultem Personal. Hier kann und sollte man keine allgemeinen Empfehlungen geben, denn wo eine Kollegin mit den Augen rollt (ggf. sogar schon jetzt, während des Lesens), ist es für die andere Person doch genau die richtige Option. So individuell Stress ist, so individuell ist der Umgang und der Abbau damit. Aber wenn wir ehrlich sind, nutzen die wenigsten Kolleg:innen irgendwelche (man könnte schon sagen jegliche) Angebote. Und von ganz alleine baut sich Stress eben nur in kleinem Rahmen ab. Wer hat denn bei 50 oder mehr Mitarbeiter:innen einen Blick dafür, dass ich kurz davor stehe, dass mir die Sicherungen durchbrennen? So selten wie ich zwei Dienste mit der selben Person fahre, funktioniert das System „Mitarbeiter:innen achten aufeinander, das reicht“ ganz bestimmt nicht. Zumal es auch Kolleg:innen gibt, denen ihre Teampartner:innen doch erstmal relativ egal sind.


    Auf Anhieb fallen mir genau zwei Arbeitgeber ein, die aktiv Angebote zur Stressreduzierung an die Mitarbeiter:innen machen, das ist einerseits löblich, andererseits erstens viel zu wenig und zweitens passt das angebotene Modell dann eben nicht auf jeden einzelnen Mitarbeitenden genau. Deshalb ist das unbedingt auf- und auszubauen. Sonst - da wiederhole ich mich - baut man den Stress wieder so ab, wie man sich das selbst vielleicht unbewusst antrainiert hat: Eben meist auf ungesunde Art und Weise.

  • Ihr wisst aber schon, dass „Der andere hat aber angefangen!“ nur bis etwa zum Kindergartenalter ein valides Argument für das eigene Fehlverhalten ist, oder?

    Wir reden hier ja auch nicht davon, dass der Kollege in einer körperlichen Auseinandersetzung etwas übertrieben hat. Hier wurde massiv Gewalt gegen eine wehrlose Person angewandt in einer Situation in der keine Gefahr mehr für den Kollegen ausgeht. Das kann man ja nicht mit nem schlechten Tag oder mit geringer Frustrationstoleranz kleinreden.

  • Ihr wisst aber schon, dass „Der andere hat aber angefangen!“ nur bis etwa zum Kindergartenalter ein valides Argument für das eigene Fehlverhalten ist, oder?

    Wir reden hier ja auch nicht davon, dass der Kollege in einer körperlichen Auseinandersetzung etwas übertrieben hat. Hier wurde massiv Gewalt gegen eine wehrlose Person angewandt in einer Situation in der keine Gefahr mehr für den Kollegen ausgeht. Das kann man ja nicht mit nem schlechten Tag oder mit geringer Frustrationstoleranz kleinreden.

    Und genau deshalb wird hier die, mögliche, Entstehung der Ursache, das erkennen und das Vorbeugen angesprochen.

    Sowie ich das was dort geschehen ist nicht tolerieren kann werde ich ebenfalls nicht, ohne wissen wie letzten Endes diese Situation so kam wie sie kam, den Kollegen verurteilen.

    :rtw: "Rettungsdienst" sind die Typen, die zu einem kommen, wenn man etwas getan hat, wofür man eigentlich zu dämlich ist. :rtw: