Hochwasser in RLP und NRW: Katastrophenalarm in mehreren Stadt- und Landkreisen

  • Livericker bei tagesschau.de: https://www.tagesschau.de/news…aelle-bei-WDR-und-Phoenix


    Mehrere Stadt- und Landkreise in verschiedenen Bundesländern befinden sich im Katastophenalarm, teilweise werden überregional und bundeslandübergreifend Einheiten des Bevölkerungsschutzes alarmiert.


    Ist jemand von euch direkt betroffen? Gibt es erste Lageeinschätzungen „aus der Nähe“ (wenn auch aus naheliegenden Gründen vermutlich nicht von direkt vor Ort)?

  • Wir haben gerade 6 PTZ 10 für die Evakuierung eines KHs in der Städteregion aufgestellt. Da wird seit dem morgen ausgeflogen, seit dem späteren Mittag endlich auch wieder mit FZG zu erreichen und seither in der Evakuierung. Ich bekomme ständig Anrufe von Heimbeatmung-Pflegeheimen/WGs, die Probleme u/o Angst haben. Bei der Leiststelle und dem Stab glühen die Telefone. Und jeder hier kennt mehrere persönlich, deren Häsuer/Keller abgesoffen sind in der Nacht.. aber wird jetzt hoffentlich besser. Noch regnet es...

  • Der Christoph 54 wurde aufgrund seiner Winde zusammen mit Kräften der Bergwacht Baden-Württemberg nach Aachen verlegt.


    Das Hilfskontingent BW sammelt sich zur Stunde.

  • Ich bekomme ständig Anrufe von Heimbeatmung-Pflegeheimen/WGs, die Probleme u/o Angst haben.

    Hat da etwa irgendwer seine Hausaufgaben nicht gemacht...

  • In der Luft war heute gut was los; selbst Northern Helicopter unterstützt.

    Man hat anscheinend zig Maschinen mit Winden zusammengezogen.

    Jupp, auch in Bayern hat man einen Großteil der Luftrettung nach NRW/RLP abgezogen, sowohl um einerseits die Klinikevakuierungen zu unterstützen als auch um Windenrettungen durchzuführen. Bei letzteren ist auch die LaPo Bayern mit ihren Maschinen im Einsatz.


    Die lokale Versorgung hat man dann mit Ersatzmaschinen eingeschränkt wieder hergestellt.


    Beeindruckend.

  • Es ist ein bisschen schwierig das alles zu beschreiben. Ich habe derzeit Urlaub, habe meine Hilfe zwar angeboten, aber bis dato gab es noch keine Gelegenheit. In sofern kann ich zwar nicht die Eindrücke als Helfer wiedergeben.
    Durch Zufall - ich hatte privat etwas in der Ecke zu erledigen - war ich plötzlich mitten im Geschehen. Es hat den ganzen Tag geregnet und auf dem Hinweg zu meinem Termin war eine Straße überflutet. Denkt man sich jetzt noch nicht wirklich was bei, Feuerwehr ist da, Keller laufen voll,... Unwetter halt. Junior saß auf dem Beifahrersitz. Aber wenn dann der ersten Umleitung sieben weitere folgen sollen, du Wasser an Orten hast wo eigentlich kein Wasser ist weit und breit und du nicht mehr sagen kannst ob die Gullideckel schon fehlen: ab dann wird es dir mulmig. Die Strecke hin dauert normalerwiese 25 Min., jetzt schon über eine Stunde.
    Ein NEF kommt dir entgegen, fährt in eine Stichstraße - wir treffen es noch dreimal wieder, es sucht sich einen Weg, alle Straßen überflutet, kein Durchkommen. Später erfahre ich: die örtliche Rettungswache ist schlicht abgesoffen, die Fahrzeughalle einen Meter unter Wasser. Der nächste Bach ist eigentlich 70m weg.
    Der Rückweg wird zum Abenteuer. Alle Straßen sind quasi nicht passierbar. Einerseits weil sie überflutet sind, andererseits, weil die SUV ihre Autos nicht dreckig machen wollen und im Weg stehen. Dabei kämen die durch. Ich erwische mit Glück die letzte Straße raus irgendwie, sie führt in eine vollkommen falsche Richtung, aber erst mal weg. Im Kopf gehe ich durch was Plan B ist oder Plan C. In den Nachrichten erfahre ich 30 Minuten später, dass die Straße jetzt auch zu ist und in einem der Ortsteile liegt die nun evakuiert werden sollen.
    Ich schaffe es nach Hause, muss nicht bei Freunden (Plan B) oder den Eltern (Plan C) unter kommen. Dort aktiviere ich ein bisschen den Flurfunk. Meine Ehrenamtseinheit ist raus, keiner weiß wohin und für wie lange. Der Strom ist weitreichend im Einsatzgebiet ausgefallen, genauso wie Handynetz und Telefon. Die Umspannwerke liegen im Wasser. Alle Feuerwehren der einzelnen Kommunen des Kreises werden in Vollalarm gesetzt, 50 Helfer mit Fahrzeugen entsendet quasi jede Wehr ins Schadensgebiet. Der Rest räumt zu Hause auf. Auch wenn ich im Speckgürtel wohne höre ich regelmäßig Martinshorn, die Helfer wechseln regelmäßig durch.

    Die Große Sorge in NRW ist die Steinbachtalsperre. Gegen 18 Uhr schon hieß es, dass die Dammkrone überflutet ist und das Wasser weiter drückt. Seit heute Mittag vermeldet die Presse, dass der Damm Risse hat. Es werden 9.000 Leute evakuiert werden müssen. Die Bilder der Ortschaften sind surreal zu sehen. Ich kenne die Orte natürlich, aber einen Bachverlauf kennen auch nicht mal alle Einheimische wirklich.
    Heute musste ich wieder ins "Krisengebiet", der Familie dort kurz helfen. Stellt euch vor ihr habt ein (mehr oder weniger) normales Treiben in einer Ortschaft, aber es sieht aus wie in einem Zombie-Endzeitstrefen. Mitten auf der Hauptumgehungsstraße stehen Autos. Leer. Abgestellt wie sie gerade standen, teilweise mit Warnblinker, teilweise ohne. Schlamm, Holz, Unrat. In jedem dritten Haus steht Sperrmüll vor der Türe, aus jedem zweiten Haus kommen Schläuche und fördern Wasser. Mittendrin ein FW-Fahrzeug der BF Essen.
    Am Vormittag kam mir die Einsatzeinheit Malteser / DRK Ibbenbüren entgegen in klassischer Konvoifahrt. Die Feuerwehren wechseln ihre oben beschriebenen 50 Mann eigenständig durch. In Erftstadt, so meldet das Radio, wird das Krankenhaus evakuiert. Angeblich mit Helis, da das Haus nicht mehr angefahren werden kann von Rettungsmitteln. Das KH Euskirchen steht ebenfalls unter Wasser und ja ja auch keinen Strom mehr. Was da Phase ist weiß ich tatsächlich nicht. In Swisttal gibt es Probleme mit der Kommunikation der BOS. Die Leitstelle erreicht die Stäbe wohl nur sehr schlecht und auch die erreichen ihre Abschnitte / Einheiten nur sehr verzögert, wieauchimmer. Die Rathäuser kommunizieren mit dem Kreisen wohl über Satellitentelefon.
    Helis hörst du den ganzen Tag. Wer das ist, was die so tun, wohin die fliegen... keine Ahnung. Aber es werden wohl immer noch Leute per Heli aus den Häusern gerettet. Die herkömmlichen Boote haben zu schwache Außenborder, die der Strömung nicht Entgegen halten können. Große Boote gibt es hier aber auch nicht wirklich viele. Wofür auch? Es gibt hier nur den Rhein. Eigentlich.
    Ich persönlich fühle mich echt doof. Morgen geht es in den Urlaub. Fieser Zwiespalt irgendwie. So, spontan mal meine unsortierten Gedanken. Hoffe man kann es lesen und verstehen.

  • Moin,

    Sachsen stellt im Moment Kontingente aus FFw zum Abmarsch spätestens morgen früh zusammen. (kann jemand den Werdegang der Behörden erläutern, ob und wie so etwas abgerufen werden könnte?, es müsste ja ein wenig organisiert werden wer wohin usw...)

    Wenn man tot ist, ist das für einen selbst nicht schlimm, weil man ja tot ist. Schlimm ist es aber für die anderen...
    Genau so ist es übrigens wenn man doof ist...

  • In NRW gibt es dafür ein fertiges Konzept; die nennen sich "Kreisbereitschaften".

    Generell habe ich den Eindruck, dass die Konzepte wie "Wasserrettungszug", "PTZ10" und "BTP500" jetzt im Ernstfall funktionieren.

  • Als Helfer in einem Wasserrettungszug, kann ich nur berichten, dass wir Mittwochabend gegen 20 Uhr einen Voralarm erhalten haben und anschließend 30 Minuten später direkt den scharfen Alarm.

    Ich konnte beruflich zunächst nicht mitfahren, war aber wie die meisten davon ausgegangen, das es sich um einen kurzen Einsatz über Nacht handelt, ggf. auch nur Bereitstellung...

    Der Zug hat wohl viele Arbeitsaufträge bekommen und ist bis jetzt noch unterwegs, allerdings sollen die Kräfte jetzt ausgelöst werden von Kräften aus Westfalen.

    Sie sind wohl ziemlich K.O., haben ja mit ihrem Arbeitstag zuvor auch 48h in den Knochen mit nur kurzen Ruhepausen und waren nicht auf so lange Einsatzdauer eingestellt.

    Aktuell wird wohl noch immer evakuiert, eine erneute Alarmierung ist nicht ausgeschlossen.

    Wir würden dann versuchen den Trupp komplett mit frischem Personal zu besetzen.

    Parallel drohen hier zuhause an Rhein und Ruhr neue Probleme, wenn auch nicht in diesem Ausmaß.

  • Moin,

    Sachsen stellt im Moment Kontingente aus FFw zum Abmarsch spätestens morgen früh zusammen. (kann jemand den Werdegang der Behörden erläutern, ob und wie so etwas abgerufen werden könnte?, es müsste ja ein wenig organisiert werden wer wohin usw...)

    Die Länder können Hilfe anfordern bzw. anbieten. Bremen würde z.B. seine Facheinheit "Hochwasser" zur Verfügung stellen, die abgerufen werden kann. Dahinter steht dann ein fester Personal- und Materialansatz, der auf den Weg geschickt wird. Wenn Bremen das ganze anbietet, dann geht an die betreffenden Einheiten ein Voralarm raus und diese haben sich in entsprechender Einsatzbereitschaft zu halten. 2013 sind wir knapp 4 Stunden nach Abruf Richtung Sachsen-Anhalt ausgerückt.

  • Nach der Geschichte in dem Lebenshilfeheim ist das irgendwie ein wenig verständlich.

    Auch hier bei mir gibt es einige (wenige) Beatmungs-Wohngemeinschaften. Problem dabei ist, dass solche Pflegewohngemeinschaften nicht unter das Heimgesetz fallen, solange eine bestimmte Anzahl pflegebedürftiger Personen nicht überschritten wird. Daher greifen auch die (Sonder-) Bauverordnungen für diese Einrichtungen nicht, da sie eben keine Heime sind. Daher keine Brandmeldeanlage, keine Notstromversorgung, keine Aufzüge, usw.


    Aber auch richtige Pflegeheime müssen nicht zwingend Vorgaben zur gesundheitlichen Vorsorge aufgebrummt bekommen. Sie beschränken sich daher auf Vorgaben des vorbeugenden Brandschutzes. So kann es sein, dass es bei Stromausfall eine Notbeleuchtung geben muss, eine Notstromversorgung von Pflege- und Medizintechnik ist dabei jedoch nicht vorgesehen. Heimbeatmungsgeräte, O2-Generatoren, Absauggeräte, Pflegebetten - alles geht eben nicht mehr (oder bald nicht mehr; wenn die Akkus nicht gepflegt wurden). Aber immerhin mit (etwas) Licht...


    In Hannover haben wir mit Stromausfällen und Pflegeeinrichtungen auch schon Erfahrungen gemacht (siehe dazu auch diesen Thread).


    In acht Fällen musste die Feuerwehr in Betreuungseinrichtungen, Alten- und Pflegeheimen eine Notstromversorgung herstellen, um den Betrieb von Beatmungsgeräten sicherzustellen.


    Ja, auch wir haben eine Beatmungs-Wohngemeinschaft hier, die sich in der 4. Etage eines Mehrfamilienhauses befindet (vor Wasser sind sie dort immerhin sicher). Einen Fahrstuhl gibt es dort aber nicht. Oder eine Wohngemeinschaft für schwerst-behinderte Kinder in einem (umgebauten) Einfamilienhaus (siehe Foto). Ins Dachgeschoss kommt man nur über eine Wendeltreppe. Seit einem Trägerwechsel muss zu mindestens der Rettungsdienst nicht mehr so häufig dort hin.


  • ...Ich weiß, leider...Mit sowas darf ich mich mit meiner Firma mittlerweile regelmäßig beschäftigen, da zu mindestens einige Kommunen und Träger mittlerweile aufgewacht sind und strengere Vorgaben machen zu denen auch entsprechende Planungen gehören.


    Baurechtlich bist du aber extrem einschränkt, das ist ein absolutes Minenfeld und die Betreiber kämpfen natürlich oftmals mit allen Mitteln gegen jegliche (kosten-erzeugende) Einschränkungen.


    Mein Highlight ist eine entsprechende BeatmungsWG im 2OG eines Hauses gewesen in der man einen Dialyse-pflichtigen Patienten aufgenommen hat der dementsprechend 2x die Woche zur Dialyse musste. Das Problem: Der Patient wog über 200kg, die Treppe war zu eng. Initial 4x pro Woche Einsatz FW und Höhenrettung. Klassische Heimdialyse war keine Option mehr für den Patienten.

    ...Die Krankenkasse hat irgendwann resigniert und ein eigenes Dialyseteam zum Hausbesuch finanziert, samt Technik.


    Aber Hauptsache der Betreiber verdient...X(

  • Krass. Und die Feuerwehr hat diese planbaren Einsätze ohne zu murren mit gemacht?


    Hier dürfen wir die Feuerwehren nicht mehr einsetzen, wenn es um Tragehilfe bei planbaren Einsätzen (wie Dialysen, Entlassungen nach Hause, usw.) geht. Dann treffen sich halt 3 bis 5 KTW und RTW an der Einsatzstelle (siehe Foto; die zwei PKW des Pflegedienstes sieht man leider nicht; 240 kg schwere Frau war auf dem WC zwischen Wand und Waschmaschine "eingeklemmt" und der ambulante Pflegedienst überfordert mit der Situation). Das hat jedoch auch schon dazu geführt, das Krankenhäuser über einen Zeitraum von 2 Wochen ihre Patienten nicht mehr los geworden sind, weil eben keine Feuerwehr zur Verfügung stand, die den 240 kg Patienten wieder in seine Wohnung tragen wollte. Sowie der Schwerlast-KTW bei einer Entlassung an eine Privatadresse die Patienten eben nicht ohne Klärung einiger Fragen einfach einpackt und mit nimmt.


  • Krass. Und die Feuerwehr hat diese planbaren Einsätze ohne zu murren mit gemacht?


    Ist halt eine kostenpflichtige Technische Hilfeleistung (je nach örtlicher Regelung). Das Geld bzw. den Einsatz für die Statistik nehmen manche Feuerwehren gerne mit.