Baden-Württemberg plant Reform des Rettungsdienstgesetzes

  • „Laut Innenministerium betrifft die neue Frist von zwölf Minuten die Planung der Rettungsdienstversorgung. Sie ist also entscheidend etwa für die Frage, wie viele Rettungswagen es wo braucht.“

    Man könnte natürlich auch zum Äußersten schreiten. Das wäre zwar eine radikale Idee, aber funktionieren könnte es. Stellen wir uns mal vor, es gibt eine Rettungswache mit 3 RTW. 2 davon hat die ILS zu Nicht-Notfall-Einsätzen entsandt (1x Nasenbluten, 1x Diarrhoe). Jetzt folgt ein dritter Nicht-Notfall-Einsatz (1x Rückenschmerzen). Sollen wir den letzten RTW vielleicht einfach mal zurückhalten, bevor wir die Wache vollends ausräumen? Oder schaffen wir einfach für den Notfalleinsatz, der dann kommt, wenn alle drei gerade einen Krankentransport machen, einen vierten RTW an?


    Spoiler: Das mit dem vierten RTW.

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

  • Das „next-best“ würde für den 3. Einsatz ein Fahrzeug aus einem benachbarten Bereich vorsehen, sofern dort die Kapazität vorhanden wäre.

  • Was ich damit sagen wollte. Der Gesetzgeber hat mit dem neuen RDG in Baden-Württemberg eine gewisse Flexibilisierung der Einsatzdisposition erzielt. Das finde ich an sich gar nicht schlecht. Ich glaube, dass es möglich ist, mit diesem Instrument die Erfüllung der 12-Minuten-Hilfsfrist zu erreichen - ohne neue RTWs. Dies wird in der Praxis aber an den Leitstellen scheitern. Die arbeiten in BaWü bekanntlich noch jeweils nach eigenen Rezepten. Solange sich der Gesetzgeber nicht um eine Vereinheitlichung der Leitstellen und der Dispositionsgrundsätze kümmert, wird sich an der Bedienung von Bagatell-Einsätzen nichts ändern. Und vor diesem Hintergrund ist die Umstrukturierung der Hilfsfristen reine Kosmetik.

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  • Das ist doch schon seit Jahren das Problem:

    Mehr und mehr Autos. Mehr oder weniger dauerhaft gesetzt. Weniger gut verteilt sondern auf bestehende wachen verteilt. Somit bleiben Löcher im Einsatzgebiet eben Löcher.
    Und weiterhin wird nicht die Selbstständigkeit des Bürgers angegangen sondern die Leitstelle soll alles beschicken.
    Und, Überraschung, Vermittlungen an andere Strukturen (ÄBD, Hausarzt) funktionieren nicht.
    Rechtssicherheit, Strukturierte Abfrage (nicht nur auf Papieren gefordert sonder auch eingeführt) und vielleicht sogar ein Arzt welcher bei entsprechenden Telefonaten (Arzt zu Arzt) für die ILS klären kann.

    Viele Baustellen.
    Aber spätestens vor 4 Jahren hat man gesehen was unsere Politik zum Thema Leitstelle kann….

  • Aber spätestens vor 4 Jahren hat man gesehen was unsere Politik zum Thema Leitstelle kann….

    Habe ich was verpasst? Was ist denn da passiert?

    Ich komme aus Ironien, das liegt am sarkastischen Meer.

  • Mannheim hat sich abgekapselt und eine eigene ILS gegründet.
    Ich verurteile das nicht grundsätzlich.

    Ich kann sogar die Gründe verstehen.

    Eher das wie und warum. 🤷🏼‍♂️

  • Mannheim hat sich abgekapselt und eine eigene ILS gegründet.

    Es gibt genügend Beispiele für gut funktionierende, bereichsübergreifende Leitstellenbereiche. Mannheim ist ein Beispiel für: Berufsfeuerwehren OHNE eigene Leitstelle geht nicht. Ist aber kein Alleinstellungsmerkmal für Mannheim, es gibt -leider- auch im echten Norden Beispiel für Rettungswachen mit angeschlossener Funkstube....

  • Es gibt genügend Beispiele für gut funktionierende, bereichsübergreifende Leitstellenbereiche. Mannheim ist ein Beispiel für: Berufsfeuerwehren OHNE eigene Leitstelle geht nicht. Ist aber kein Alleinstellungsmerkmal für Mannheim, es gibt -leider- auch im echten Norden Beispiel für Rettungswachen mit angeschlossener Funkstube....

    Die Berufsfeuerwehr Mannheim hat allerdings gar keine eigene Leitstelle. Die ILS Mannheim ist eine gGmbH.

  • Die Berufsfeuerwehr Mannheim hat allerdings gar keine eigene Leitstelle. Die ILS Mannheim ist eine gGmbH.

    https://www.ils-mannheim.de/ueberuns


    […]


    Die frühere Feuerwehrleitstelle Mannheim wurde in die Organisationsform einer Integrierten Leitstelle (ILS) als gGmbH in gemeinsamer Trägerschaft der Stadt Mannheim und dem Deutschem Roten Kreuz (Kreisverband Mannheim) überführt. Mit der Etablierung der medizinischen Gefahrenabwehr wurde der vollumfängliche Übergang zu einer ILS vollzogen. Die ILS Mannheim stellt aufgrund ihrer Position im Dreiländereck, der Anbindung an eine leistungsfähige Berufsfeuerwehr mit Sondereinheiten, einer unterstützenden starken Freiwilligen Feuerwehr und einem kompakten urbanen Rettungsdienstbereich mit Anknüpfung an ländliche Strukturen in Baden-Württemberg einen einzigartigen Einsatzschwerpunkt für die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr dar.

    […]

  • Eine Leitstelle, die Berufsfeuerwehr, freiwillige Feuerwehr und Rettungsdienst unter einem Dach lebt. Das ist echter (einzigartiger) Fortschritt. :D

    Ich komme aus Ironien, das liegt am sarkastischen Meer.

  • Die Berufsfeuerwehr Mannheim hat allerdings gar keine eigene Leitstelle

    In der Beschlussvorlage der Stadt Mannheim V 488/2018 steht das aber anders bzw. doch recht eindeutig:


    […] Welches Managementziel wird durch die Leistung bzw. Maßnahme angesprochen? Mannheim ist durch die Leistungen der Feuerwehr ein sicherer Lebensraum. Begründung: Die Feuerwehr Mannheim wird sowohl in der Führung der ILS gGmbH als auch mit Disponenten in der Leitstelle die Notrufaufnahme und eine schnelle sowie professionelle Disposition von Rettungsmitteln im Stadtkreis Mannheim unterstützen.[…]

  • Mannheim ist ein Beispiel für: Berufsfeuerwehren OHNE eigene Leitstelle geht nicht.

    Naja. Mannheim hatte ja auch vorher eine eigene Feuerwehr-Leitstelle. Wenn es interessiert, schildere ich das mal aus meiner persönlichen Sicht.


    Vorher


    Im Rhein-Neckar-Dreieck gibt es zwei größere Städte, Mannheim und Heidelberg. Diese beiden Städte haben jeweils eine eigene Feuerwehr-Leitstelle für den eigenen Stadtbereich. Die Feuerwehren im Landkreis Heidelberg (Einige freiwillige Wehren) wurden von der ILS Rhein-Neckar disponiert, die auch den Rettungsdienst im gesamten Rhein-Neckar-Dreieck unter sich hatte - einschließlich Stadt Mannheim und Stadt Heidelberg.


    Diese Situation war für manche Player unbefriedigend. Da war zum einen die Stadt Mannheim, die eine Einflussmöglichkeit im Rettungsdienst vermisst hat. Das liegt am Rettungsdienst-Gesetz Baden-Württemberg, das die Selbstverwaltung für den Rettungsdienst vorsah (und nach wie vor vorsieht). Das heißt, die Rettungsdienste machen das mit den Kostenträgern alleine aus, der Staat hat nichts zu melden (von der Aufsichtsbehörde abgesehen, aber die hat kein Gestaltungsrecht). Um dieses Defizit abzustellen, hat Mannheim eine eigene ILS haben wollen.


    Ich persönlich war damals ehrlich gesagt sehr angetan von dieser Idee. Ich selbst hatte eine gelinde gesagt ambivalente Einstellung zur Leistung der ILS Rhein-Neckar (das hat sich inzwischen geändert) und habe - aufgrund meiner bisherigen Vita - einige Hoffnung in eine ILS gesetzt, die unter Leitung einer Berufsfeuerwehr steht. Man mag vom Rettungsdienst durch Feuerwehren halten, was man will - Integrierte Leistellen unter BF-Regie leisten meiner persönlichen Erfahrung nach durchaus gute und vor Allem systematische und strukturierte Arbeit. Vor allem dachte ich, dass die Bevorzugung der organisationseigenen Fahrzeuge durch die ILS Rhein-Neckar damit ein Ende hat (falls es diese denn gegeben haben sollte). Das Land Baden-Württemberg hat schlussendlich die Einrichtung einer ILS Mannheim befürwortet (wie ich damals gehört habe), unter der Bedingung, dass die ILS Mannheim und die ILS Rhein-Neckar digital vernetzt sind. Dies sollte eine unkomplizierte Alarmierung der Fahrzeuge ermöglichen, die der jeweils anderen ILS unterstehen. Das ist im Rhein-Neckar-Kreis auch sinnvoll. Meine Gemeinde zum Beispiel liegt relativ dicht an einem südlichen Stadtteil Mannheims, wo eine der Organisationen eine mittelgroße Rettungswache hat mit 3 RTW und 1 NEF. Die Fahrzeuge erreichen meine Gemeinde in ca. fünf Minuten. Wird meine Gemeinde von den eigenen Fahrzeugen der ILS Rhein-Neckar beschickt, dauert es wesentlich länger (es sei denn natürlich, eines der Fahrzeuge wäre zufällig in der Nähe).


    Die heutige Realität hat meine Vorstellungen leider noch nicht erfüllt. Die ILS Mannheim ist mit der ILS Rhein-Neckar nicht digital vernetzt (ich will hier aber keine Schuldfrage aufwerfen). Die Disposition der Fahrzeuge in den anderen Bereich setzt also eine telefonische Anforderung voraus. Diese dauert oft erstaunlich lange, teilweise, wie ich selbst beobachtet habe, bis zu sieben Minuten (!). Wenn sie denn überhaupt erfolgt. Die Zusammenarbeit zwischen den integrierten Leistellen ist, wie man hört, nicht sonderlich harmonisch, weshalb es den Anschein hat, als würde auf die gegenseitige Anforderung von Fahrzeugen teilweise grundsätzlich verzichtet. Wenn sie erfolgt, sind die Einsatzmeldungen oft grob unzutreffend. Beispiel: Ich werde als RTW gemeinsam mit einem NEF alarmiert zu "Reanimation, Leitstelle leitet an." Vor Ort öffnet der Patient selbst die Tür. Das fand ich verblüffend. Die abgebende ILS hat, so erfuhr ich telefonisch, aber zum unklaren Thoraxschmerz alarmiert. Ein weiterer Haken ist die Tatsache, dass Kolleg:innen von der BF hin und wieder in Unkenntnis der rettungsdienstlichen Bedürfnisse alarmieren. So war es in der Vergangenheit oft nicht bekannt, dass man die eingesetzten Fahrzeuge in Kenntnis setzen sollte, wenn es sich um Kindernotfälle handelt (nur als Beispiel) oder dass es angemessen ist, die Besatzungen vorzuwarnen, wenn sie in Polizeilagen geschickt werden, bei denen es um Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit oder gar gegen das Leben geht.

    Darüber hinaus disponiert die ILS Mannheim nur den Rettungsdienst, nicht den Krankentransport, und das bringt einen Problemkreis sui generis mit sich. Es scheint üblich zu sein, dass die ILS Rhein-Neckar keine KTWs nach Mannheim schickt - zumindest nicht kurzfristig und flexibel. Deshalb ((?) disponiert die ILS Mannheim häufig RTWs zu Krankentransporten. Wenn ich als RTW ankomme und die Indikation KTW klar ist, habe ich in der Vergangenheit hin und wieder versucht, einen KTW nachzufordern. Dies ist meistens misslungen. Wenn ich in der Vergangenheit die ILS Mannheim angerufen habe, sagten die manchmal "Da musst Du in der ILS Rhein-Neckar anrufen". Rief ich dort an, sagte die ILS Rhein-Neckar so manches Mal: "Das musst Du über Deine eigene Leitstelle anfordern". Eine Regelung gab und gibt es anscheinend nicht. Oft wurde der KTW auch einfach verweigert, weshalb man teils gezwungen war, den RTW zu missbrauchen, wenn denn eine Transport-Indikation vorlag.


    Übrigens ist die ILS Mannheim bis heute nicht in der Lage, den Digitalfunk durchzuführen. Die ILS Rhein-Neckar aber schon, weshalb unsere Fahrzeuge mit zwei Funkgeräten ausgestattet sind, einmal digital, einmal analog.



    Grüße

    CJ

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

    Einmal editiert, zuletzt von Captain Joy ()

  • Mindestens zwei der drei Geschäftsführer der ILS Mannheim gGmbH (übrigens keiner davon von der Feuerwehr) lesen ja hier mit. Vielleicht können sie ja etwas beitragen oder Impulse mitnehmen.

  • Bessere wäre, wenn der Innenminister von BaWü hier mitlesen würde.

    Ich komme aus Ironien, das liegt am sarkastischen Meer.

  • Der Innenminister Baden-Württembergs sagt öffentlich, dass sich die Menschen wie eine Kette vor die Rettungskräfte stellen müssen, wenn diese angegriffen werden. Er verurteilt Gewalt gegen Rettungskräfte auf das Schärfste. Statt dessen könnte er mal dafür Sorge tragen, dass die Staatsanwaltschaften nicht reihenweise Strafverfahren mangels öffentlichen Interesses einstellen, wenn Rettungskräfte Anzeige erstattet haben. Aber wir schweifen ab.

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  • Und Ausschuss und Fraktionen folgen brav wie die Lemminge in den Abgrund. Keiner muckt auf?

    Ich komme aus Ironien, das liegt am sarkastischen Meer.

  • Gut, das habe ich mir nicht alles durchgelesen. Oder es liegt daran, dass ich jeden Tag zu viel lesen muss und alles gleich wieder von meiner Bio-Festplatte lösche, was für meine Tätigkeit nicht konkret wichtig ist. Die eigentliche Botschaft dahinter war auch, dass ich mir manchmal mehr Mut in den Ausschüssen/Parlamenten/Regierungen wünschen würde. Vermutlich ist damit nicht zu rechnen, sondern eher weiter mit dem Strom der Partei geschwommen wird (der Karriere zuliebe).

    Ich komme aus Ironien, das liegt am sarkastischen Meer.

  • Mindestens zwei der drei Geschäftsführer der ILS Mannheim gGmbH (übrigens keiner davon von der Feuerwehr) lesen ja hier mit. Vielleicht können sie ja etwas beitragen oder Impulse mitnehmen.

    Wem ”gehört” denn nun die Leitstelle Mannheim? Was hat die ”Flucht ins Privatrecht” denn an den Besitzverhältnissen und der Verantwortung der ”Öffentlichen Hand” durch die gGmbH geändert? Egal, ob mitlesende Geschäftsführer mal selbst Schläuche von der richtigen Seite her aufrollen konnten....????