Von Ärzten und nichtärztlichem Personal – die trennende Macht der Sprache

  • Anbei ein Kommentar dazu, weshalb wir hoffentlich in Zukunft den Begriff „nichtärztlich“ nicht mehr so viel lesen oder hören müssen.


    Das Teilen ist ausdrücklich erlaubt (vom Verlag) und erwünscht (von mir).

  • Danke für deinen Kommentar M1k3

    Schade finde ich jedoch, dass so ein Kommentar heute überhaupt noch nötig ist.

    In unseren Gefilden kenne ich es zum Glück nur so, dass wir auch von Ärzten (auch vor Patienten) als Kollegen angesprochen oder vorgestellt werden, was ich persönlich als sehr anerkennend empfinde.


    Fortbildungen werden meist z.B. an das „Personal der Präklinik“ oder „Personal des Rettungsdienstes“ adressiert, womit automatisch TS, RS und NÄ inkludiert sind.

  • Danke für deinen Kommentar M1k3

    Schade finde ich jedoch, dass so ein Kommentar heute überhaupt noch nötig ist.


    Ich glaube die meisten die den Begriff noch nutzen tun das aus Gewohnheit. Es hat sich halt so etabliert. Nur wenige nutzen das ganz bewusst als berufspolitisches Werkzeug. Darum auch der Kommentar als freie PDF, mit der Hoffnung viele Leute zu erreichen.

    "Notfallsanitäterinnen und -sanitäter sind, sofern (not-)ärztliche Hilfe nicht zeitnah zu erlangen ist und die Voraussetzungen des § 2a Nr. 2 NotSanG vorliegen, eigenverantwortlich handelnder, heilkundlicher Teil der Rettungskette."

    VGH München, Beschluss v. 21.04.2021 – 12 CS 21.702

  • Anbei ein Kommentar dazu, weshalb wir hoffentlich in Zukunft den Begriff „nichtärztlich“ nicht mehr so viel lesen oder hören müssen.

    Zitat

    Neben der sachlich noch nachvollziehbaren beruflichen Unterscheidung wird allerdings sprachlich damit ein unausgesprochenes Kompetenzgefälle transportiert.

    Richtigerweise, denn dieses Gefälle besteht ja auch.


    Ich verwende, wenn möglich, Begriffe wie "Rettungsfachpersonal"; das funktioniert aber nur begrenzt bei sektorenübergreifenden Beschreibungen.

  • Ja. Aber man nimmt schon hier und dort noch eine wenn auch implizite Abwertung in sprachlichen Äußerungen wahr. Zum Beispiel dann, wenn ich einen Patienten mit einer Pneumonie auf eine Station verlege und dann beispielsweise gefragt werde: "Wird der Patient (nicht) begleitet?" Und das mit den Berufsbezeichnungen ist auch so ein Ding. Ich habe ja nichts dagegen, wenn ich als Rettungssanitäter bezeichnet werde. Aber "Fahrer" oder "Chauffeur" muss ja nun im 21. Jahrhundert auch nicht mehr sein. Solche Anreden kann man hin und wieder halt auf Nicht-Interesse gegenüber Nicht-Ärzten zurückführen. Und wenn sich das durch Mikes Artikel verbessert, ist es doch toll. Das färbt ja dann auch auf die Qualität der (Team-)Arbeit ab.

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

  • Dass "der Rettungsdienst" nicht (mehr) "die Fahrer" oder "der Chaffeur" oder "das Taxi" ist, ist aber schon immer bzw. seit Jahrzehnten so.

  • So lange der Arzt in vielen Situationen und Strukturen die Verantwortung trägt und es bei vielen Dingen einen Artvorbehalt gibt, ist die Trennung in Ärzte und nicht-ärztliches Personal sinnvoll und notwendig. Jeder hier weiß, dass mir Standesdünkel oder künstliche Überhöhung der eigenen Profession mehr als fern ist, aber wenn man die entsprechenden Strukturen auch aus Perspektive des Verantwortlichen kennen lernt, sowohl den Patienten gegenüber, als auch dem nicht-ärztlichen Personal gegenüber, dass man als Fachvorgesetzter führt, aber auch der Bürokratie (Vorstand, Rechtsabteilung, Stabsstellen, etc) gegenüber, dann ist das plötzlich doch anders, als man es sich (in meinem Fall) noch als Rettungsassistent (und auch Assistenzarzt oder Facharzt ohne Personalverantwortung) vorgestellt hat.

  • Alles gut und richtig. Man sollte allerdings, wenn es schon um (berechtigte!) Befindlichkeiten geht, innerhalb der eigenen Berufsgruppe dafür werben, auch den eigenen Sprachgebrauch zu hinterfragen. Ich bin mir sehr sicher, dass ziemlich viele Notfallsanitäter*innen ihre Patientinnen und Patienten noch immer an die Krankenschwester übergeben (und das auch so formulieren) oder anderweitig unpräzise sind.
    Jetzt wird es anekdotisch: Schon vor zwanzig Jahren war meine Standardantwort auf den (ohnehin binsenartigen) Hinweis der Leitstelle, ich solle „Bescheid sagen, wenn ich einen Akademiker bräuchte“ die folgende: „Akademiker bin ich selbst, was ich hier brauche, ist ein Arzt!“.

    Long Story short: Ich bin (bekanntermaßen) ein großer Freund von sprachlicher Präzision. Sein Selbstbild sollte man aber nicht unbedingt von der korrekten Ansprache durch andere abhängig machen. Wie frustrierend wäre das für die ganzen Verkäuferinnen, Friseusen, Busfahrer und Müllmänner, Stewardessen, Dönermänner oder Politessen? Hoffentlich haben wir im (sprachlichen) Umgang mit all denen jederzeit ein gutes Gewissen!
    Und ganz zum Schluss, auch wenn es nur peripher zum Thema passt, aber trotzdem kürzlich in der Szene heiß diskutiert wurde: Obwohl ich selbst dem Gendern in der deutschen Sprache durchaus offen und sehr entspannt gegenüberstehe, muss man für meinen persönlichen Geschmack das NEF nicht mit „Not(ä)rzt:in“ beschriften. Die Beschriftung mit „Rettungsdienst“ wäre völlig ausreichend.

  • Alles gut und richtig. Man sollte allerdings, wenn es schon um (berechtigte!) Befindlichkeiten geht, innerhalb der eigenen Berufsgruppe dafür werben, auch den eigenen Sprachgebrauch zu hinterfragen. Ich bin mir sehr sicher, dass ziemlich viele Notfallsanitäter*innen ihre Patientinnen und Patienten noch immer an die Krankenschwester übergeben (und das auch so formulieren) oder anderweitig unpräzise sind.

    Wollte ich auch gerade schreiben.

  • Verkäuferinnen, Friseusen, Busfahrer und Müllmänner, Stewardessen, Dönermänner oder Politessen

    Es ist aber schon etwas anderes, wenn ich mich im selben Berufsfeld bewege. Wenn ein Justizvollzugsbeamter "Krankenwagenfahrer" zu mir sagt, ist das ok. Es stört mich auch nicht, wenn eine Bäckereifachverkäuferin meint, wir wären "die Fahrer" oder Angehörige sagen "Aahh, die starken Männer sind da", weil der Vater nicht vom Klo hochkommt. Wenn man im Gesundheitswesen arbeitet und regelmäßig mit dem Rettungsdienst zu tun hat, könnte man wenigstens sagen "Sanitäter" oder von mir aus "Rettungssanitäter". Auch da erwarte ich nicht, mit meiner korrekten Berufsbezeichnung angesprochen zu werden - woher sollen die das auch wissen?

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

  • Ach ja. Ein wenig bedenklich finde ich es bei Journalisten und Gerichten, wenn sie die Qualifikationen durcheinander werfen.

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

  • Alles gut und richtig. Man sollte allerdings, wenn es schon um (berechtigte!) Befindlichkeiten geht, innerhalb der eigenen Berufsgruppe dafür werben, auch den eigenen Sprachgebrauch zu hinterfragen. Ich bin mir sehr sicher, dass ziemlich viele Notfallsanitäter*innen ihre Patientinnen und Patienten noch immer an die Krankenschwester übergeben (und das auch so formulieren) oder anderweitig unpräzise sind.

    Es war ja ein Kommentar in einer Fachzeitschrift, die sich an medizinisches Publikum richtet. Es ging mir also vor allem um den Sprachgebrauch untereinander. Und ja, ich achte da im Alltag schon drauf. Auch im Artikel hab ich ja sehr darauf geachtet die richtigen Bezeichnungen zu nutzen.


    davon ab, geht es mir nicht darum, ob ich in der ZNA als „Sani“ bezeichnet werde. Das ist mir egal. Es geht um einen Begriff, der eben mehr transportiert, als eine flapsige Ungenauigkeit.

    "Notfallsanitäterinnen und -sanitäter sind, sofern (not-)ärztliche Hilfe nicht zeitnah zu erlangen ist und die Voraussetzungen des § 2a Nr. 2 NotSanG vorliegen, eigenverantwortlich handelnder, heilkundlicher Teil der Rettungskette."

    VGH München, Beschluss v. 21.04.2021 – 12 CS 21.702

  • Ich habe noch nie gehört, dass jemand gesagt hätte, da kommt der Nicht-Arzt, sondern die jeweils mehr oder weniger korrekte Berufsbezeichnung.

    Natürlich wird niemand sagen "da kommt der Nicht-Arzt" oder "sind Sie die Nicht-Ärzte?". Verwendung fanden oder finden solche Begriffe insbesondere dann, wenn zwischen Ärzten einer- und, nun ja, dem nicht-ärztlichen medizinischen Fachpersonal andererseits differenziert werden soll, ohne dass die in Betracht kommenden Qualifkationen im einzelnen aufgeführt werden sollen (oder relevant wären oder auch nur bekannt wären), wenn es also egal ist, ob das, nun ja, nicht-ärztliche Personal im Einzelfall ein Notfallsanitäter, Rettungsassistent, Rettungssanitäter oder ggf. auch Pflegefachmann (zuvor Gesundheits- und Krankenpfleger, zuvor Krankenpfleger, zuvor ...) ist, jeweils unabhängig vom Geschlecht.

    Einmal editiert, zuletzt von thh () aus folgendem Grund: Ausdruck und Rechtschreibung geglättet.

  • Den Rettungsdienst managen Notfallsanitäter.

    Im Kreissaal haben die Hebammen das Sagen.

    Auf der Station macht die Hauptarbeit die Pflege.

    Alle diese Berufe funktionieren auch ohne Ärzte, die Ärzte aber nicht ohne diese Berufe.


    Die Ärzte sind nicht der Nabel der Medizin, das sollte sich auch in den Namen wiederspiegeln. Aber nicht nur da, auch das Gehalt gehört endlich angepasst!

  • Natürlich wird niemand sagen "da kommt der Nicht-Arzt" oder "sind Sie die Nicht-Ärzte?". Verwendung fanden oder finden solche Begriffe insbesondere dann, wenn zwischen Ärzten einer- und, nun ja, dem nicht-ärztlichen medizinischen Fachpersonal andererseits differenziert werden soll, ohne dass die in Betracht kommenden Qualifkationen im einzelnen aufgeführt werden sollen (oder relevant wären oder auch nur bekannt wären), wenn es also egal ist, ob das, nun ja, nicht-ärztliche Personal im Einzelfall ein Notfallsanitäter, Rettungsassistent, Rettungssanitäter oder ggf. auch Pflegefachmann (zuvor Gesundheits- und Krankenpfleger, zuvor Krankenpfleger, zuvor ...) ist, jeweils unabhängig vom Geschlecht.

    Eben, deswegen wird es auch nur selten despektierlich gemeint sein, sondern dient der Einfachheit, ohne den nicht-ärztlichen Berufsgruppen die Kompetenz, Verantwortung oder mögliche Heilkunde absprechen zu wollen.

  • Danke für diesen differenzierten und ausgewogenen Beitrag. Leider stellt er einen eindrücklichen Kontrapunkt zu Mikes Kommentar dar.

  • Das ist genau die Art von Indoktrination, die ich aus einer mir bekannten Notfallsanitäterschule mitbekomme. Was Deine Aussage natürlich nicht weniger peinlich undifferenziert macht.

    Einmal editiert, zuletzt von tdoub () aus folgendem Grund: etwas spezifischer formuliert

  • Gerne. Eigentlich lache ich über die Unterscheidung und sehe die Bezeichnung eher als Kompliment. Denn wenn ich den ganzen Tag so viel Mist abliefern würde wie unsere Notärzte, Hausärzte und Krankenhäuser würde ich mich schämen