Fragen zur Ausbildung als RS

  • Erst einmal großen Respekt an alle die diesen Beruf für sich gefunden haben und den Menschen helfen wollen, egal ob RH,RS,NotSan und alle die ich vergessen habe 🙂

    Nun etwas zu mir:


    Meine Name ist Andre, komme aus Hessen werde 42 Jahre 1,68m groß (Angaben später von Bedeutung) und habe Interesse oder vielmehr schaue ich mich um nach einer beruflichen Neuorientierung. Da ich Menschen sehr gerne helfe und schon seit einigen Jahren Ersthelfer bin, bei uns im Betrieb und da mir das Spaß macht, hatte ich schon länger Interesse mal einen Schritt weiterzugehen. Da ich aber ziemlich alleine dastehe bzw. keinen kennen in dieser Richtung, bin ich auf die Idee gekommen, mal nach einem Forum zu suchen und bin hier fündig geworden. Da mein jetziger Job mich nicht mehr so mit Freude erfüllt und ich ja noch einige Jahre arbeiten muss, könnte ich mir diesen Beruf vielleicht vorstellen. Das vielleicht, ist bewusst gewählt und bezieht sich gleich auf ein paar Fragen die ihr mir hoffentlich gerne beantwortet. 😄 Meine größten Sorgen die ich derzeit habe und die ich mir stelle: Ist das zeitlich stemmbar den RS zu machen mit über 500 Stunden ohne die derzeitige Vollzeitstelle groß zu beeinflussen? Urlaub mal nehmen wäre kein Problem für Prüfung etc. und wie ist die Belastung für den Rücken? Bin Körperlich eigentlich ganz fit, gehe ins Fitnessstudio aber habe leichte Probleme mit dem Volksleiden Rücken. Könnte aber auch die jahrelange monotone jetzige Arbeit sein im stehen. Wenn ich mir vorstelle eine 120kg Person heben zu müssen mit meinen 63 kg oder noch mehr hmm 😅 gibt zwar Hilsmittel wie Raupenstühle etc. aber ist bestimmt auch nicht immer möglich

    Habe natürlich ein paar Infos selber zusammengetragen, die ich hier mal erläutere und mich gerne berichtigen lasse, falls da was falsch sein sollte.

    a) Meine erste Idee war erstmal als RH einzusteigen, den gibt es aber in Hessen wohl nicht mehr

    b) Da ich Vollzeit arbeite 2-Schicht bekomme ich keine Förderung oder Bildungsgutschein und muss die Kosten selber tragen auch da der RS nicht staatlich anerkannt ist

    War jetzt ein sehr langer Text, daher hab ich die Fragen mal kürzer hier zusammengefasst


    1. Wenn ihr nochmal neu starten müsstet, in eurer jetzigen Position,welche Tipps hättet ihr für Neulinge/Interessenten wie mich, in Richtung Werdegang bzw. welche Infos hättet ihr lieber früher gewusst, das doch vieles einfacher gemacht hätte, wie Infos besorgen hier über das Forum oder vielleicht eine App, die einen unterstützt für die Prüfung oder beim lernen hilft usw.?
    2. Besteht die Möglichkeit bei einer jetzigen Vollzeitstelle im 2 Schichtsystem den RS zu machen z.B. an Wochenenden etc.?
    3. Inwieweit unterscheiden sich die verschiedenen Rettungsorganisationen voneinander? Wo starte ich am besten bei Interesse als RS?
    4. Wie körperlich Anstrengend von 1-10 findet ihr euren Beruf?
    5. Wie hoch sind die Kosten für die Ausbildung zum RS?


    Allen einen schönen Sonntag ✌🏻

  • Hallo Andre und herzlich willkommen im Forum.



    Mein erster Tipp für Dich: Hör Dich doch mal an Rettungswachen in Deiner Umgebung um, ob Du einen Tag oder ein paar Tage als Schnupper-Praktikant mitfahren kannst. Viele Rettungswachen ermöglichen das, und man bekommt einen guten, ersten Einblick. Die Ausbildung zum Rettungssanitäter ist darauf ausgelegt, dass man sie nebenbei (und auch ehrenamtlich) machen kann. Dies darf in der Regel auch zwei bis drei Jahre (drei Jahre auf Antrag) dauern, sodass man Lehrgänge und Praktika im Urlaub machen kann. Beim RTW-Praktikum kann man es auch an den Wochenenden "zusammenfahren". Die Kosten variieren je nach Anbieter und dürften in der Regel um die € 2.500,00 liegen. Gegebenenfalls kommen Kosten für die Praktika hinzu (in der Regel bis zu 50 Euro pro Woche). Den Rettungssanitäter neben einer Vollzeitstelle zu absolvieren ist anstrengend, weil jede Menge Erholungszeiten wegfallen. Manche Schulen bieten die Lehrgänge auch in Wochenend-Form an. Da müsste man einfach nachfragen.


    Zu Deinen Fragen


    Als Rettungssanitäter kannst Du eingesetzt werden in der Notfallrettung und im Krankentransport. Ich würde an meinen Wunsch-Wachen vorher nachfragen, wie diese Verteilung erfolgt. KTW ist körperlich in der Regel anstrengender als RTW. Zu beachten ist auch, dass man für den RTW einen "großen" Führerschein braucht und ggfs. eine Ortskenntnisprüfung, sodass Dein Einsatz möglicherweise zunächst längere Zeit auf dem KTW erfolgt. Was Dein Rückenleiden betrifft, würde ich empfehlen, einen guten Orthopäden zu fragen. Wir haben inzwischen Hilfsmittel wie Raupenstühle und elektrohydraulische Fahrtragen, aber manchmal muss man trotzdem schwere Patienten im Tragetuch über mehrere Etagen befördern. Der Einsatz eines zweiten Fahrzeugs zur Tragehilfe ist aber meistens möglich. Insgesamt hat die körperliche Belastung abgenommen, weil immer mehr Patienten gehfähig sind. Ich musste in den letzten zehn Jahren deutlich seltener tatsächlich tragen (aber natürlich schon hin und wieder). Ein Rückenleiden ist im Rettungsdienst natürlich grundsätzlich ein großes Problem.


    Die Hilfsorganisationen im Rettungsdienst unterscheiden sich in ihrer Tätigkeit am Patienten kaum voneinander. Es würde sich meiner Meinung nach lohnen, bei den Rettungswachen in Deiner Umgebung nachzufragen, ob die Kosten für die RS-Ausbildung oder den großen Führerschein möglicherweise anteilig übernommen werden können. Das machen aber nicht viele Rettungswachen, also wirst Du die Kosten vermutlich selbst stemmen müssen. Was die staatliche Anerkennung betrifft, so möchte in anmerken, dass Hessen eine Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für RettSan erlassen hat (die Du Dir mal durchlesen solltest). Insofern halte ich es für möglich, dass das Jobcenter die Kosten übernimmt. In Baden-Württemberg kommt das jedenfalls vor.


    Körperlich anstrengend ist der Beruf. Er ist es weniger als noch vor zwanzig Jahren, aber das ist natürlich auch immer Glückssache. Man weiß bei einem Einsatz je nie, was man bekommt. Für mich ist es eher anstrengend, im Wechselschichtdienst zu arbeiten. Ich würde sagen, auf einer Skala von 0 bis 10 würde ich dem Dienst auf einem RTW eine 3 geben, auf einem KTW eine 5.



    Tipps



    Mach - wenn möglich - ein Schnupper-Praktikum. Wenn Du Dich da gut anstellst, hast Du für eine spätere Bewerbung auch schon einen Stein im Brett. Außerdem kannst Du an der Rettungswache schonmal fragen, ob eine Finanzierung möglich ist. Was den Lehrgang betrifft: Informiere Dich vorher an der Schule, welches Lehrbuch eingesetzt wird. Dieses würde ich vorher kaufen und durcharbeiten (Die App "Retten to go" von Thieme gibt es übrigens kostenlos im Playstore). Das entspannt den Lehrgang ganz ungemein. Organisiere Dir auch die Praktikums-Plätze so lange wie möglich im Vorfeld. Die sind spärlich, und es ist immer blöd, wenn man die Abschluss-Prüfung nach hinten verlegen muss, weil man den Praktikums-Platz nicht rechtzeitig bekommt. Deine Schnupper-Wache kann Dir da bestimmt Tipps geben, was geeignete Kliniken betrifft. Bei der Auswahl der Kliniken bist Du an bestimmte Disziplinen gebunden (Intensiv, Anästhesie, Notaufnahme). Informiere Dich vorab in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung, damit Du keine Zeit mit der falschen Station verschwendest. Noch ein Tipp vom erfahrenen RS-Ausbilder: Führe das Ausbildungsnachweisheft von Anfang an sauber und kontinuierlich und achte auf die nötigen Stempel und Unterschriften. Das erspart spätere Rennerei vor der Prüfung.

    You know as well as I do decisions made in real time are never perfect. Don't second-guess an operation from an armchair. [Noah Vosen]

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  • Hallo Andre, nicht wundern, dass du nicht mehr viele Antworten auf deine ursprünglichen Fragen bekommst, denn das ist alles bestens beantwortet. Dennoch kannst du hier gerne weiter alles schreiben und fragen, was dir zum Umstieg in den Kopf kommt, dann hast du alles an einem Platz als privates öffentliches Nachschlagewerk.


    Einzig würde ich noch anmerken, wenn du erst den RH machst, um perspektivisch weiter zum RS zu gehen, musst du dich nochmal aufraffen und wieder ein bisschen den neuen Alltag umplanen. Bis auf NRW, wo du in vier Wochen inkl. Praktikum zum Rettungshelfer werden kannst, ist der Grundkurs praktisch gleich, da gibt es nicht so viele Gründe, nicht direkt RS zu werden. Wenn du sicher bist, im RD zu bleiben (vielleicht schon nach einem Praktikum), dann mach direkt den RS. Und während des Praktikums wirst du unterschiedliche Meinungen hören, wie beliebt der Arbeitsalltag so sein kann - da musst du für dich filtern, was davon Frustration ist und was realistische Probleme und Sorgen sind. Meckern ist Volkssport und trotzdem bleiben die Leute im Rettungsdienst.

  • Meine erste Idee war erstmal als RH einzusteigen, den gibt es aber in Hessen wohl nicht mehr

    Da hat er Recht. Den RH gibt es in Hessen nicht mehr.

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  • Ich habe gerade mal nachgesehen, Die Johanniter in Hessen berechnen für die RS-Ausbildung:


    Grundlehrgang M1 (6 Wochen, 240 Unterrichtseinheiten) € 2.290,00

    Abschlusslehrgang M4 einschließlich Prüfung (Eine Woche, 40 Unterrichtseinheiten) € 480,00

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  • Ich bin mir nicht elativ sicher, dass ich 2009 noch ~1400€ dafür bezahlt habe.


    Und siehe da, der Kurs kostet an der Schule immer noch nur etwa 1700€


    https://www.naw-berlin.de/kurs…g-zum-rettungssanitaeter/


    (übrigens auch der Fernlehrgang RettSan).

    "Notfallsanitäterinnen und -sanitäter sind, sofern (not-)ärztliche Hilfe nicht zeitnah zu erlangen ist und die Voraussetzungen des § 2a Nr. 2 NotSanG vorliegen, eigenverantwortlich handelnder, heilkundlicher Teil der Rettungskette."

    VGH München, Beschluss v. 21.04.2021 – 12 CS 21.702

  • Und siehe da, der Kurs kostet an der Schule immer noch nur etwa 1700€

    Das ist aber nur der Grundkurs, oder?

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  • Kursgebühren

    1639 EUR

    ➡️ Gesamtpreis für die theoretisch-praktische Ausbildung, inkl. Rettungshelfer- und Rettungssanitäterprüfung.

    "Notfallsanitäterinnen und -sanitäter sind, sofern (not-)ärztliche Hilfe nicht zeitnah zu erlangen ist und die Voraussetzungen des § 2a Nr. 2 NotSanG vorliegen, eigenverantwortlich handelnder, heilkundlicher Teil der Rettungskette."

    VGH München, Beschluss v. 21.04.2021 – 12 CS 21.702

  • Und das alles läuft in sechs Wochen? Erstaunlich. Wie machen die das?

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  • Vielen Dank für die Antworten. Tatsächlich hab ich vergessen zu sagen das ich letzte Woche bei der Agentur für Arbeit war und die haben mir schon gesagt das sie nichts beisteuern. Praktikum hab ich schon angeboten bekommen für 2 Tage auf dem RTW mitzufahren. Natürlich nicht gesagt das in den 2 Tagen großartig was passiert, weil ich ja auch nicht weiß ob ich bei Personen die schwerer verletzt sind, ob mir das was ausmacht oder nicht. An der Arbeit hat man mal Schnittwunden klar aber Schwerverletzte ist da schon was anderes und ob man sowas auch mit heim nimmt, da ist ja auch jeder anders gestrickt. In diesem Beruf sollte man schon etwas härter sein denke ich aber das erstmal mit dem Orthopäden abzuklären ist schonmal ein guter Tipp


    Edit: wenn die Rettungswachen natürlich einen Anteil übernehmen würden wäre ganz nice. Könnten sich ja bei Abbruch oder nicht Vollendung absichern, das man das zurück bezahlen müsste. Werden sie wahrscheinlich auch tun denke ich sonst könnte ja jeder kommen. Sind schon ordentliche Kosten was da zusammen kommt C1 und Ausbildung

  • Praktikum hab ich schon angeboten bekommen für 2 Tage auf dem RTW mitzufahren.

    Dann auf jeden Fall annehmen, egal, ob du später dabei bleibst oder nicht. Eine interessante Erfahrung wird es auf jeden Fall sein.


    Natürlich nicht gesagt das in den 2 Tagen großartig was passiert, weil ich ja auch nicht weiß ob ich bei Personen die schwerer verletzt sind, ob mir das was ausmacht oder nicht. An der Arbeit hat man mal Schnittwunden klar aber Schwerverletzte ist da schon was anderes und ob man sowas auch mit heim nimmt, da ist ja auch jeder anders gestrickt.

    Der Alltag im Rettungsdienst ist vor allem geprägt von nicht Unfallverletzten. Das heißt, der größte Anteil der Patienten sind solche mit Herz-Kreislauf-Problemen, Atemnot, Schlaganfall, sozialen Problemen wie Verwahrlosung oder Alkoholmissbrauch usw. Ob man Schwerverletzte psychisch aushält, kann man im Voraus nicht sagen. Manchen gehen auch erst einmal wenig dramatisch erscheinende Situationen an die Nieren (Patienten mit schwerem Krebsleiden, Messi-Wohnungen, häusliche Gewalt usw.).

  • Ich bin mir nicht elativ sicher, dass ich 2009 noch ~1400€ dafür bezahlt habe.


    Und siehe da, der Kurs kostet an der Schule immer noch nur etwa 1700€


    https://www.naw-berlin.de/kurs…g-zum-rettungssanitaeter/


    (übrigens auch der Fernlehrgang RettSan).

    Vorsicht mit Fernlehrgängen! Viele Bundesländer erkennen den nicht an.

  • Vorsicht mit Fernlehrgängen! Viele Bundesländer erkennen den nicht an.

    Wenn man die RettSan Urkunde hat, wird das wohl Bundesweit anerkannt?

    "Notfallsanitäterinnen und -sanitäter sind, sofern (not-)ärztliche Hilfe nicht zeitnah zu erlangen ist und die Voraussetzungen des § 2a Nr. 2 NotSanG vorliegen, eigenverantwortlich handelnder, heilkundlicher Teil der Rettungskette."

    VGH München, Beschluss v. 21.04.2021 – 12 CS 21.702

  • Möglich. Aber bspw. den Abschlusslehrgang an einer anderen Schule dann zu machen kann Probleme geben. Auch gibt es AG die diese Lehrgänge nicht anerkennen, da eben zu hoher Online-Anteil.

  • Hi André, ich kenne auch viele, die den RS neben dem Job gemacht haben, oft mit geblockten Wochenenden und Urlaub für Praktika. Für den Rücken zählt wirklich Technik: Tragetuch, Spineboard und Hebelarbeit im Team machen einen riesigen Unterschied. Was viele unterschätzen: Teamgeist entsteht auch außerhalb der Einsätze. Bei uns gab es Familientage, manchmal mit abgestimmten Outfits über Looks, die Eltern und Kinder verbinden, ein Shop für passende Kleidung für Eltern, Kinder oder Paare. Das hat die Gruppe echt zusammengeschweißt. Kosten lagen ähnlich, oft nach Verpflichtung erstattet.