Beiträge von Johannes D.

    In Niedersachsen war es nicht einfach eine geeignete Person, sondern eine "geeignete und zuverlässige Person". Dafür durften die aber gleich sämtliche Position außer der des Notarztes besetzen. Führen, Fahren, alles ging. Das Ganze galt bis 2007, RTWs mit zwei RS kenne ich noch aus eigener Erfahrung und das aus dem Zivildienst. Ach, das waren noch Tage...


    Bzgl. des RS als RTW-Fahrer bildet Schleswig-Holstein eigentlich die einzige mir bekannte Ausnahme, die hier im Laufe der Zeit eine wechselnde "Zusatzqualifikation" gefordert hat. Es waren mal 200 Einsätze, wurde dann umdefiniert zu 100 Notfalleinsätzen, wenn ich mich recht entsinne.

    Ich glaube, die Gesellschaft würde kollabieren, da der Anreiz für unangenehme, aufwendige und übermäßig verantwortungsvolle Tätigkeiten viel zu klein wäre. Sicherlich würde sich der ein oder andere finden, aber kaum genug. Und ohne Müllentsorgung, Klärwerk und co bricht unsere Gesellschaft schneller in sich zusammen, als der geneigte Polittheoretiker "upsi" sagen kann.


    Aber das sind am Ende nur Meinungen.


    Konkret zum Arzt: unabhängig davon, wie hoch der Verdienst ist, würde ich tatsächlich keine Stelle annehmen, bei der die Pflege gleichviel verdient. Dafür höre ich einfach zu oft pro Stunde "ne, darum muss sich der Arzt kümmern", "darüber will ich nicht nachdenken", "das ist nicht meine Aufgabe", etc. Das bedarf einfach Entschädigung.

    Moin,


    ist jetzt nicht gerade die Königsklasse der Quelle, aber es finden sich hier Saphiras Zahlen tatsächlich wieder:


    Interview mit einem "Experten" des statistischen Bundesamtes:


    https://www.daserste.de/inform…isches-bundesamt-100.html


    PS: ich bin übrigens der Meinung derzeit als Assistenzarzt relativ angemessen bezahlt zu werden, obwohl ich gerade erst auf eine tariflich bezahlte Stelle wechsele. Die Krux sind auch bei mir die Arbeitsbedingungen. COVID-19 hat da sicher nicht geholfen, aber Freizeit ist ein ziemlich theoretisches Konstrukt geworden. Ich wäre eher dafür, einen verbindlichen Schlüssel Patienten pro Arzt einzuführen - und gleiches bei der Pflege endlich mal wirklich durchzusetzen.

    Moin nochmal!


    Ich glaube weiterhin, es liegt hier ein sehr vermischtes Problem vor.


    Im eigentlichen Artikel geht es meiner Meinung nach darum, dass die Leitstelle als medizinisches Assistenzpersonal mit einer EDV Hilfe eine bindende ärztliche Diagnose und Verordnung außer Kraft gesetzt hat, was nicht in ihrer Kompetenz liegt (liegen kann). Juristisch irrelevant wurde es vermutlich an dem Punkt, an dem die Patientin die Hilfe auch abgelehnt hat. Diese Interpretation passt ja auch gut zu den Äußerungen des Richters.


    Zur erweiterten Systemkritik am ÄBD ist es schwieriger zu antworten. Ich sehe hier wie gesagt ein Problem, dass ein Patientenkollektiv im Anspruchdenkensbereich entstanden ist, das tatsächlich in niemandes Zuständigkeit wirklich fällt und durch die gegenwärtige Rechtslage am ehesten am Rettungsdienst hängen bleibt, weil dieser die größte Hürde zur Verweigerung gegen den Patientenwillen hat. Das macht aber im Umkehrschluss nicht automatisch jemand anderen zuständig.


    Ein großes Problem ist wiederum auch, dass von Seiten des Rettungsdienstes der ÄBD gern als Teil der notfallmedizinischen Versorgung gesehen wird. Und obgleich es natürlich Berührungspunkte gibt, ist das doch falsch. Der ÄBD ist für die ambulante Versorgung zuständig und begleitet natürlich im Rahmen dessen auftauchende Notfälle mit. Deswegen ist die Disposition über die Leitstellen auch lediglich als Vorauswahl was eigentlich eine rettungsdienstliche Aufgabe wäre denkbar, zumindest ohne erheblichen zusätzliche Ausbildung für den Bereich, der tatsächlich die Aufgabe des ÄBD ist. Es hat durchaus Gründe, weswegen der Arzt dies in der Regel selbst abfragt.


    Und auch der Wunsch nach Standardisierung zum Gewinn von Rechtssicherheiten sollte nicht allzu leichtfertig auf andere Teile übertragen werden. Wer die freie Ausübung der Heilkunde angreift bedroht letztlich die Möglichkeit einer guten, personalisierten Individualmedizin, von der die meisten Patienten profitieren. Natürlich sollte diese, soweit sich der einzelne Patient darin abbilden lässt, Leitlinien orientiert stattfinden. Aber dies geschieht in aller Regel ja auch - in ärztlichem Ermessen. Und gerade im Bereich der Leitstellen hat die Standardisierung ja nicht unbedingt zur tatsächlichen Verbesserung der korrekten Disposition geführt, wenn man Üverdisposition als Fehler wertet, soweit ich weiß. (Oder gibt es dazu neuere, bessere Daten inzwischen?)


    Und das nächste Problem sind Bereiche, die tatsächlich unterversorgt sind. Wenn in Bereichen die Kassensitze in dem Umfang nicht besetzt sind, dass die Aufgaben nicht mehr erfüllt werden, was ich bei dem gegenwärtigen Ärztemangel durchaus für denkbar halte, wird sich aber nicht dadurch beheben lassen, dass ich zusätzliches Personal, das es nicht gibt auf Posten, die letztlich noch wesentlich mehr Personal benötigen als im bisherigen Ansatz (und das nur bedingt sinnvoll) fordere. Die sinnvolle Forderung wäre eine Abhilfe beim ursprünglichen Mangel zu schaffen.


    Aber ich glaube auch weiterhin an ein perspektivisches Problem. Dass man nicht glaubt, dass es Hausbesuche gibt, heißt mitnichten, dass es sie nicht gäbe. Über die Notwendigkeit eines Hausbesuches entscheidet am Ende nicht der Patient, sondern die tatsächliche Indikation, einer der wesentlichen Unterschiede zum Rettungsdienst, und sicherlich werden viel mehr Hausbesuche gefordert, als geleistet werden. Allerdings häufig auch, weil der Patient sehr wohl zumutbar einfach in die Praxis gehen kann und vielleicht sogar zumutbar auf den nächsten regulären Termin warten kann. Dass aus der Berechtigung der einen Gruppe, die festzustellen ein Missbrauch der anderen, die dies schwieriger kann, entsteht, macht es nicht zu einem realen großen Mangel.


    Ich stelle nicht in Abrede, dass es einen Mangel gäbe, ich stelle nicht in Abrede, dass beiseits Zuständigkeiten hin- und hergeschoben werden und ich stelle auf keinen Fall in Abrede, dass Fehlentscheidungen getroffen werden. Ich möchte nur aufzeigen, dass das reale Problem meiner Meinung nach viel komplexer ist und von der hier vorgeschlagenen Lösung so gar nicht abgebildet wird.


    Ich sehe eine Lösung eher darin, dass man eine (politische) Möglichkeit schafft, dass auch im Rettungsdienst festgestellt werden kann, dass etwas kein Notfall ist und der Patient jetzt keine Akutbehandlung sofort benötigt, sondern eben zum Hausarzt soll, sobald dieser eigen regulären Termin für ihn hat. Solange der Rettungsdienst diese Möglichkeit als einziger Systemteil nicht hat, solange wird er immer auf dem Problem sitzenbleiben. Die restlichen Fälle sind meiner Erfahrung nach nicht die relevante Masse.


    Gute Nacht!

    Moin,


    ich muss hier mal eine Lanze für die niedergelassenen Kollegen brechen. Im Rahmen meines Studiums habe ich drei Praxen als Blockpraktikant und Famulus besucht, im vorstädtischen und im tiefländlichen Bereich und auf einer Halbinsel. Überall wurde ein erheblicher Teil der Arbeitszeit mit Hausbesuchen zugebracht. Und dies sowohl im Bereich von geplanten, dringenden und Notfallhausbesuchen. Tatsächlich genauso, wie es das Regelwerk vorgibt. Und ja, wenn es sinnvoll erschien wurde auch noch parallel zum Rettungsdienst angefahren, allerdings ist der Zeitvorteil des Rettungsdienstes da in aller Regel erheblich. Vorzuwerfen, dass Praxen das nicht tun, entspricht nicht meinem erleben.


    Und wenn man ehrlich ist, ist es auch schwer als Rettungsdienst dies wirklich zu beurteilen. Schließlich sind die meisten, die hier schreiben, nicht unbedingt die Personengruppe, die allzu häufig in die Notwendigkeit eines Hausbesuchs kommen dürfte. Und den Aussagen der Patienten gegenüber wäre ich diesbezüglich etwas vorsichtig. Meiner Erfahrung nach wird da von Zeit zu Zeit dazu geneigt, sich selbst etwas günstiger bzw. als vom System vergessen darzustellen (v.a. im rettungsdienstlichen Einsatz, der nicht ganz so nötig war).


    Hier liegt auch ein wesentlicher Unterschied: der Arzt darf selbst entscheiden, ob und welche Art von Hilfe erforderlich ist. Natürlich haftet er im Umkehrschluss auch dafür. Aber im Gegensatz zum Rettungsdienst, kann der Patient bedeutend schwerer aus subjektiv empfunden Notfall darauf bestehen. Umgekehrt ist ein Verweis an den Rettungsdienst, insbesondere wenn er so spezifisch auf RTW und Notarzt lautet, eine ärztliche Verordnung.


    Hausbesuche sind allerdings kein vollwertiger Ersatz für eine Behandlung in der Praxis und schon gar kein Ersatz für die Klinik. Schließlich sind weitere Diagnostik und Interventionen doch sehr eingeschränkt. Und ganz sicher ist es keine Bequemlichkeitsleistung, wenn der Patient grundsätzlich in eine Praxis kommen kann (objektiv). Hier wird seitens des Rettungsdienstes sehr viel an den ÄBD verwiesen, und damit eine Anspruchshaltung geweckt, was gar keine Indikation dafür hat und eben sehr wohl am nächsten Werktag in die Praxis kann, oder in die Notfallpraxis oder eben die sechs Stunden warten.


    Man könnte, mit ein klein wenig Fantasie, die Crux dieser Auseinandersetzung aber an ganz anderer Stelle sehen. Hat ein Arzt verordnet, dass ein Notarzteinsatz erforderlich ist, kann dies rechtlich tatsächlich keine automatisierte Notrufabfrage und kein Disponent einfach so ignorieren. Dies bedarf auch nicht der Schriftform und keines ausgefüllten Transportscheines. So ärgerlich dies auch ist, aber auch hier, der Arzt verantwortet diese Entscheidung. Ob ein "rufen Sie selbst an" so geeignet ist, ist allerdings ziemlich diskutabel. Dass der Bereitschaftsarzt über einen erneuten Anruf sehr verärgert war, nachdem er eine bindende Verordnung getroffen hat und ggf. beim Aufeinandertreffen entsprechender Persönlichkeiten in einem Strafrechtsverfahren gipfelte, halte ich persönlich für durchaus plausibel. Ich könnte mir gut vorstellen, dass eben hieraus der Konflikt entstanden ist und überhaupt nicht stattgefunden hätte, wenn die Patientin ohne vorherigen ÄBD Kontakt den Notruf gewählt hat.


    So oder so, ambulante Strukturen werden den hier als "problematisch empfundenen Einsätzen" nicht Herr werden können. Denn letztlich wird auch der geschilderte Fall mindestens eine akute laborchemische Diagnostik und evtl. ein Röntgen-Thorax benötigt haben - und muss damit leider in die Notaufnahme. Daher könnte man genauso gut postulieren, dass der Rettungsdienst versucht seine BLS-Aufgabe auf die ÄBD abzuwälzen, da er eben dafür viel zu schwach aufgestellt ist. Und nein, ich glaube nicht, dass dies in großem Umfang wirklich wahr wäre - umgekehrt aber auch nicht. Ich glaube eher, dass dies ein gesamtgesellschaftliches Phänomen der Anspruchshaltung gibt, und für die gibt es eben derzeit keine Zuständigkeit und kein Konzept. Hier müsste man Regeln treffen, die aber am Ende auch schwerwiegende ethische Entscheidungen mit sich bringen, zum Beispiel wieviel Überversorgung wir gegen welche Fehlerquote stellen wollen. Und wo, mit welcher Haftbarkeit, welchem Patienten mal nein gesagt werden darf. Gerade in Kliniken hört das übrigens nicht unbedingt beim Arzt in der Notaufnahme auf. Es gibt Häuser, in denen nur Oberärzte nach Hause schicken dürfen. Und Patienten dann manchmal auf die Warten, in dem Gefühl, dass es nötig war, schließlich waren sie eine Nacht in der Klinik.


    Gute Nacht!

    Johannes

    [...]
    Sollte eigentlich so als Zeichen alle NotärztInnen machen, die auf der Seite des Rettungsdienstpersonals sind. Einfach aus der AGBN austreten, damit die hohen Tiere aus der Schule Sefrin im Vorstand der AGBN mal merken, dass das was sie äussern nicht das ist was ein (vermutlich grosser) Teil ihrere Mitglieder denkt.

    [...]

    Möglicherweise gibt es aber noch andere Gründe, Mitglied in derartigen Vertretungen zu sein, außer deren Stellungnahmen gegenüber dem Rettungsfachpersonal. Für diese Verbände ist dies ja eher ein kleineres Nebenthema. Wenn man sich insgesamt schlecht vertreten fühlt, sollte man allerdings unbedingt austreten.


    [Anm.: ich teile die Auffassung der AGBN ggü. den Notfallsanitätern keineswegs, bin kein Notarzt und in keiner dieser Vertretungen Mitglied. Ich bin derzeit noch Mitglied des DBRD, aus diesem aber zum Ablauf des Beitragjahres ausgetreten, da ich mit deren Statements und Art der Berufspolitik auch nicht d'accord gehe.]

    red_cap: Ehrlich gesagt denke ich, dass du mich schlicht falsch verstanden hast. Eigentlich sagte ich recht explizit es wäre keine unabhängige, eigenständige Disziplin. Dazu stehe ich. Denn die Behandlungsleitlinien für die einzelnen Notfälle werden sich immer abhängig von den jeweiligen Fachgesellschaften ergeben und somit besteht stets diese Abhängigkeit. Das steht völlig im Einklang mit deiner These und es war völlig wertfrei gemeint gewesen, jegliches Mitschwingen anderer Meinungsteile war unbeabsichtigt.


    Im Kontext dessen, was ich schrieb, sollte es heißen: die Studienfächer Innere Medizin, Chirurgie, Neurologie usw. sind auch eine notfallmedizinische Ausbildung, denn Notfallmedizin wird dort ausgebildet. Das war kein Statement in Richtung eines FA für Notfallmedizin oder eine Abspaltung der Notfallmedizin von den großen Disziplinen und der Anästhesie. Das können wir gern an geeigneterer Stelle besprechen. Hier ist es meiner Meinung nach eher nicht gut aufgehoben. Aber ich glaube, diese Diskussion könnte spannend werden.

    Als jemand, in dessen Brust zu diesem Thema zwei Herzen schlagen, muss ich mich nun doch auch nochmal einmischen.


    Es ist gut, dass Notfallsanitäter in dieser Diskussion Selbstbewusstsein entwickelt haben, und nicht mehr so viele Kollegen den Zugang als den heiligen Gral ärztlicher Heilkunst sehen und die Entwicklung in eine Richtung lenken, die es realistisch erscheinen lässt, dass SOPs, Algorithmen eines Tages eine echte rechtliche Grundlage haben.


    Es ist traurig, dass das "Notärzte bashing" derart arrogante Attitüden hervorbringt, wie man sie hier im Thema nachlesen kann. Und das sage ich als jemand, der sich aus erster Hand mit gehöriger Arroganz auskennt. Ich habe eine rettungsdienstliche Karriere machen dürfen, in der mich viele besondere Etappen viel gelehrt haben. Ich habe Fachwissen erwerben können, von dem ich überzeugt bin, dass es überdurchschnittlich war. Und dennoch war das des schlechtesten Absolventen eines Humanmedizinstudiums höher - wenn auch sicher nicht in jedem Detail.


    Es verkennt die Realität zu behaupten, die Notfallmedizin wäre ein unabhängiges, eigenständiges Gebiet der Medizin. Die Notfallmedizin ist eine Schnittmenge aller (naja, beinahe aller) klinischer Disziplinen und natürlich hilft einem das Fachwissen aller dieser Disziplinen in der Notfallmedizin weiter. Sicherlich ist ein Notfallsanitäter sehr viel besser für die praktische Situation im Rettungsdiensteinsatz ausgebildet, weil das, selbst bei einem Notarzt, zumeist nur ein winziger Teil der gesamten ärztlichen Tätigkeit ausmacht. Daher wird das Arbeiten des jungen, durchschnittlichen Notfallsanitäters im Rettungseinsatz vielleicht flüssiger wirken als das, des jungen durchschnittlichen Notarztes. Aber am Ende des Tages ist das lediglich erworbene Routine in einem Setting, nicht wirklich ein Qualifikationsunterschied. Zum einen ist es jetzt aber keine so hohe Kunst, dass dies länger als ein paar Wochen gelten dürfte, zum anderen heißt das mitnichten, dass er für den Rettungseinsatz insgesamt besser ausgebildet ist. Denn das zusätzliche Wissen ist definitiv hilfreich und bedeutsam.


    Weiterhin werden hier zu viele Phrasen gedroschen. Wie Hilope schon anfügte, ohne Intensiv- / Notaufnahme oder Anästhesieerfahrung kommt man nicht an die Qualifikation des Notarztes. Und ein halbes Jahr ärztliche Tätigkeit auf der Intensivstation bereitet einen auf einen kritisch kranken Patienten schon besser vor als es viele so meinen...


    Achso, zum persönlichen Horizont: Ich habe lange Zeit im Rettungsdienst ausgebildet (und werde auch weiterhin, so ich Zeit finde) und das durchaus in der Notfallsanitäterausbildung. Ich habe auch NotSan Azubis an der Wache angeleitet, hatte diese Qualifikation selbst inne. Und ich habe kürzlich ein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen. Ich glaube also, dass ich durchaus Erfahrungen aus erster Hand habe...


    Ich meine mich an ein Berliner Rettungsdienstsymposium zu erinnern, bei dem vorgestellt wurde, dass man eine Ersthelferalarmierung, zunächst mit Einsatzkräften der Feuerwehr und Taxifahrern und im zweiten Roll-Out mit Polizei und HiOrg-Helfern, via KatWarn realisieren wollte. Hat davon jemand nochmal etwas gehört? Haben die das umgesetzt?

    [...] Soweit ich weiss, sollte die Berufsschaffung des NOTSAN genau diese Grauzone beseitigen. Stattdessen ist nach 6 Jahren noch immer nicht klar, was nun darf und was nicht. [...]

    Das ist schlichtweg falsch. Das war Wunsch und Interpretation vieler altgedienter Kollegen, die sich weitergebildet haben. Aber es war nie das Ziel des Gesetzes und das kann man sogar nachlesen


    Der Gesetzgeber vertrat also die Auffassung, dass die alte Ausbildung den bestehenden Anforderungen an die Tätigkeit nicht mehr gerecht wurde. Es war nicht die Auffassung des Gesetzgebers, dass eine größere Übertragung von ärztlichen Aufgaben auf die zukünftigen Notfallsanitäter eine nötige Veränderung sind.


    Und das ist zwar eine für uns unangenehme, aber durchaus vertretbare Sichtweise. Die Rettungsassistentenausbildung war durch verschiedene durchgeklagte Rechtslücken ausgehöhlt, viele Ausnahmen wurden zur Regel. Am Ende konnte sogar das reguläre Annerkennungsjahr gänzlich vermieden werden. Die Abschlussprüfung gehört auch nicht in die Mitte der Ausbildung, das Abschlussgespräch musste man faktisch nicht mehr machen und die Ausbildung an der Wache wurde überhaupt nicht standardisiert durchgeführt oder gar überprüft. Der ohnehin für die weiterentwickelte Notfallmedizin viel zu kurze schulische Block konnte eigentlich immer noch weiter verkürzt werden. Wer wirklich nur das minimale Wissen der Ausbildung hatte und nichts darüber hinaus gelernt hat, der hat am Ende keinen ausreichend guten Job gemacht. Und da hat der Gesetzgeber durchaus recht - das sollte so nicht sein. Obendrein ist eine selbst zu finanzierende, zweijährige Ausbildung nicht mehr zeitgemäß.


    Dass es unserem Notfallwesen gut tut, wenn man Notfallsanitäter weiter qualifiziert, diese Ausbildung auch die Möglichkeit eröffnet, komplexere Maßnahmen fest zu delegieren und nicht dem Mut und dem vagen Rechtsverständnis des Einzelnen zu überlassen, ist ein sehr positiver Nebeneffekt. Ich erachte das auch für gut und notwendig. Und die ärztlichen Leiter, die sich in vielen Ländern auf Bundeslandsebene geeinigt haben und Musteralgorithmen für die Ausbildung entworfen haben, die sehr progressiv sind, legen den Grundstein dafür. Denn es nicht so, dass man zwingend alles oder mehr dürfen muss als man kann. Es ist hingegen sehr wohl nötig, dass man alles oder mehr kann, was man darf. Deswegen ist eine breite Ausbildung aller Notfallsanitäter richtig und nötig gewesen und es schon auch in Ordnung, dass solche Prozesse Zeit brauchen. Leider steht sich meiner Ansicht nach die bekannteste berufsständische Vertretung des Rettungsfachpersonals derzeit eher selbst im Weg, denn den Prozess positiv zu begleiten.

    Dann sei froh, weil ich kenne Hilfsorganisationen, die gerade bei Massnahmen, die in den Augen der Führung eine Kompetenzüberschreitung dargestellt haben [...]


    Ich arbeite schon lange nicht mehr für irgendeine Hilfsorganisation, sondern im öffentlichen Dienst arbeite. Ich habe dort in jeglicher Hinsicht bessere Erfahrungen gemacht.


    (Dies heißt natürlich nicht, dass dies überall so sein muss...)

    Es gibt inzwischen auch Rettungsdienste mit SOP und Checkliste dafür... wobei es auf "der Patient sollte nicht kritisch krank sein und keine Krankheiten haben, die in Verbindung mit den geäußeren Symptome auf eine kritische Krankheit hinweisen könnten." hinausläuft.


    Ansonsten ist aber das Problem eher, dass von jeder Ebene der Medizin absolute Perfektion erwartet wird. Eine 0% Fehlerquote ist aber nur mit absoluter Überversorgung zu erreichen. Denn auch bei absolut angemessener Diagnostik und Anamnese, können Dinge nicht erkennbar sein und auch bei korrekter Ausführung und Indikation von Maßnahmen gibt es Komplikationen.

    Nunja, die entsprechenden "Transportpflichten" haben wir hier seit Jahren diskutiert. Es gab schon immer auch die Meinung, dass sich die in den Gesetzen mindestens in den meisten Bundesländern klar auf Notfallpatienten bezieht und einen Notfallpatienten einzuschätzen war auch schon Ausbildungsziel des Rettungsassistenten.


    Ansonsten bleib ich gern bei meiner vorgenannten Meinung. Die Defensivmedizin fängt zwar früh an zieht sich aber weit nach oben. Da kann sich kaum eine Ebene ausnehmen...

    Interessant finde ich gerade, wie sehr der DBRD (zumindest nach den Facebookkommentaren erfolgreich) versucht bei seinen Mitgliedern Stimmung gegen die Ärzteschaft zu machen. Da posten sie ein (ehrlich gesagt gänzlich bedeutungslosen) Potcast einer Genossenschaft, die niedergelassene Ärzte im nicht näher definierten Norden vertritt, vor allem als Verhandlungsführung und Wirtschaftsinstrument, um exemplarisch aufzuzeigen, wie sehr die Ärzte gegen die Notfallsanitäter wettern würden. Diese Genossenschaft informiert mit diesem Potcast aber im wesentlichen ihre Mitglieder, und der Herr, über dessen Alter sich in den Kommentaren massiv lustig gemacht wird, kommt sogar zu dem Schluss, dass das sinnvolle Ergebnis vermutlich sein wird, dem Notfallsanitäter Maßnahmen an der Einsatzstelle zu erlauben, bis ein Arzt da sei, den Arzt aber nicht zu ersetzen. Dies ist ja nun keineswegs boshaft und in diesem Medium auch nicht bedrohlich. Diese Genossenschaft ist so derart bedeutend, dass nicht einmal Bekannte von mir je von ihr gehört haben, die niedergelassene Allgemeinmediziner sind.


    Ich finde es sehr schade, dass der DBRD sich so sehr gegen ein konstruktives Miteinander stellt, wo er es doch selbst so lange gefordert hat.


    Edit: Ich beziehe mich auf diesen Facebook Beitrag, gibt es vergleichbar auch im DBRD Intern.

    Ich weiß, wir haben das warum dies (angeblich) nicht anders geht lang und breit diskutiert, allerdings nur einmal, um es allen vor Augen zu führen:


    Grundgehalt TV-L E 14.1 4161.82 €
    Grundgehalt TV-L Ä1.1 4631.23 € (Assistenzarzt der Uniklinik im ersten Jahr, jährliche erhebliche Gehaltssteigerungen in den ersten 6 Jahren)
    Grundgehalt TV-L Ä2.1 6112.48 € (Facharzt der Uniklinik im ersten Jahr)
    Grundgehalt TV-L Ä3.1 7656.23 € (Oberarzt der Uniklinik im ersten Jahr)


    Quelle: http://www.oeffentlicher-dienst.info

    Und das mag wiederrum im Bereich des öffentlichen Rettungsdienstes wenig bedeutend sein, schließlich gibt es in Großteilen der Republik mehr oder minder verbindlich Bedarfspläne. Allerdings gibt es ja noch den Bereich von Sanitätsdienst und SEGen außerhalb des Katastrophenschutzes, die vielleicht auch weiterhin gern Notfallsanitäter einsetzen wollen. Und da dürfte das im Zweifel schnell eine große Rolle spielen.

    Lass es mich anders versuchen:


    Es wäre vielleicht sinniger, den peripheren Venenzugang, der tagtäglich unzählige Male von hunderten Rettungsdienstlern außerhalb des rechtfertigenden Notstands gelegt wird, zu legalisieren. Oder ein tragfähiges Rechtskonzept für die SOPs zu schaffen. Oder das BTMG anzupassen, damit man neben Ketanest, Novalgin und Paracetamol finden kann. Diese Initiative möchte aber etwas erlauben, was bereits glasklar erlaubt ist. Und das mit der Konsequenz, dass man eskalierende Versicherungskosten wie bei den Hebammen riskiert.


    Der §34 ist ein Problem, weil er Teile der etablierten Praxis nicht abdeckt. Sei es der "ideale Standard" mit Infusion und Blutabnahme oder die SOPs, deren Delegation ja mehr als auf wackligen Beinen steht usw. Aber er ist doch kein Problem in lebensbedrohlichen Lagen mit nicht eingetroffenem Notarzt. Adrenalin bei der Reanimation stand seit Jahrzehnten nicht in der Diskussion. Und eine Krücke ist er auch nicht, sondern ein ganz normaler Paragraph.